Bedrohen Soziale Medien unsere Demokratie?

Amerikanischer Präsidentschaftswahlkampf 2016: Der 23-jährige Cameron Harris nutzt die extrem aufgeheizte Stimmung und verbreitet über eine einfache Website einen Bericht von einem Elektriker, der in einem Lagerhaus angeblich Kisten voll mit Wahlzetteln gefunden haben soll, auf denen das Kreuzchen für Hillary Clinton bereits gesetzt war. Diese erfundene Fake News brachte dem Studenten durch Google-Anzeigen auf seiner Website in wenigen Tagen 5.000 Dollar ein – und sorgte im Wahlkampf für mediale Turbulenzen.

Abbildung 1: Tweet von Michael G. Flynn.

Im gleichen Wahlkampf verbreitet Michael G. Flynn Junior, der Sohn von Donald Trumps Sicherheitsberater, über soziale Netzwerke die Nachricht, dass die Demokratin Hillary Clinton und ihr Wahlkampfchef John Podesta aus einer Pizzeria in Washington heraus einen Kinderpornoring betreiben würden – und distanziert sich auch nicht davon, als die Meldung längst als Fake News gebrandmarkt ist (vgl. Abbildung 1). Unter dem Hashtag #Pizzagate findet die Geschichte in sozialen Medien extrem schnell Verbreitung. Als Folge dieser grundlosen Behauptung wird die Belegschaft der Pizzeria per E-Mail und Telefon belästigt, beschimpft und bedroht. Negativer Höhepunkt der Reaktionen: Das Auftauchen eines bewaffneten Mannes aus North Carolina im Restaurant, der die in einem Tunnelsystem unter der Pizzeria eingesperrten Kinder befreien möchte. Er lässt Kunden und Angestellte fliehen und befasst sich dann 45 Minuten mit der Suche nach den Kindern. Nachdem er nichts findet ergibt er sich der Polizei.

Zwei Beispiele die zeigen, welche Auswirkungen soziale Medien auf unsere Demokratie haben. Viel wird deswegen darüber diskutiert, ob und wenn ja welche demokratiefeindlichen Konsequenzen sich aus sozialen Medien und der Digitalisierung ergeben. Forscher der TU München haben beispielsweise vor der Bundestagswahl 2017 ein halbes Jahr lang die politische Kommunikation in sozialen Medien untersucht. Die analysierte Kernfrage: Sind soziale Medien eine Gefahr für die Demokratie? Das Ergebnis: Die Digitalisierung verändert die politische Meinungsbildung „disruptiv“, also maximal brachial und nachhaltig. Gleichzeitig stehen wir in Deutschland, so die Forscher, erst am Anfang dieser Entwicklung im Vergleich zu anderen Ländern. Welchen Einfluss diese Disruption haben kann, ist an anderer Stelle schon konkret zu sehen: So zeigt ein Untersuchungsbericht des Ausschusses für Digitales, Kultur, Medien und Sport im britischen Parlament sehr detailliert, wie Facebook, Twitter und Google entscheidend mitgeholfen haben, die Volksabstimmung zum EU-Austritt des Vereinigten Königreichs zu beeinflussen. Kaum verwunderlich, dass manche Wissenschaftler noch weiter gehen und von sozialen Medien als von einer „Waffe gegen die Demokratie“ sprechen.

Soziale Medien = Brandbeschleuniger

Das Problem liegt im Funktionsprinzip sozialer Medien. Soziale Medien sprechen den impulsiven Teil unseres menschlichen Gehirns an. Den Teil, der Dingen Aufmerksamkeit schenkt, die unser Verstand normalerweise ignoriert: Katzenvideos, lustige Memes, aber eben auch Hass, rassistische Ansichten und öffentliche Bloßstellung. David Golumbia schlussfolgert dazu in seinem Artikel „Wie Soziale Medien unser Denken verändern und die Demokratie bedrohen“: „Denn für soziale Netzwerke ist es ein Kinderspiel, den rationalen Teile unseres Gehirns zu umschiffen. Stattdessen sprechen sie die emotionale, reaktionäre Seite in uns an, die alles gleich und sofort möchte. […] Doch wenn wir diesen egoistischen Gefühlen den Vorrang geben, geschieht das auf Kosten von gründlicher Überlegung, Planung und Interaktion, aus denen demokratische Politik entsteht. Das bedeutet natürlich nicht, dass eine fundierte Debatte nicht auch online stattfinden kann. Aber es zeigt, dass es einen starken Trend weg von der sachlichen Debatte hin zu starken Emotionen gibt.[…] Die Sozialen Medien versuchen, unsere Denkweise zu beeinflussen. Sie halten uns dazu an, schnelles Denken auf Probleme anzuwenden, die wir normalerweise mit Bedacht angehen würden.

Video: The Impact of Social Media in Political Debate by Mark Shephard.

Problematisch ist insbesondere, dass soziale Medien eine ausgewogene Auseinandersetzung mit Themen und Sachfragen erschweren. „Erst denken, dann reden!“ als übergeordnete und eigentlich empfehlenswerte Maxime persönlichen Handelns ist out. Carlo Strenger schreibt dazu in seiner Kolumne „Wie Social Media die Demokratie aushöhlen“: „Medienkonsumenten sind immer weniger willens und immer weniger fähig, sachlich Argumente für oder gegen Positionen abzuwägen, welche zur Diskussion stehen. Entscheidend ist für sie immer weniger, was gesagt wird, sondern wer etwas sagt: Wenn es Politiker, Journalisten oder Intellektuelle sind, die zu meinem Lager gehören, dann stimme ich zu; wenn aus dem Lager der Anderen”, dann sind diese Ansichten schon a priori nicht glaubwürdig und reflektieren nur die Interessen dunkler Interessegruppen. Dieses Art Paranoia hat in den USA bereits im Innern der politischen Kaste beängstigende Ausmaße angenommen und das politische Feld dermaßen polarisiert, dass von einem wirklichen politischen Dialog und produktiver Zusammenarbeit zwischen Liberalen und Konservativen kaum noch die Rede sein kann.“ Das was Strenger hier anspricht, sind die mittlerweile berühmt-berüchtigten Filterblasen.

Das Märchen von den Filterblasen

Urvater des Begriffs Filterblase (englisch: filter bubble) ist der amerikanische Politaktivist Eli Pariser. Er hat den Begriff mit seinem Bestseller „Filter Bubble“ eingeführt. Dazu ob es diese Filterblasen tatsächlich gibt, wird aber immer noch kontrovers diskutiert.

2011 berechneten Ökonomen der University of Chicago die Wahrscheinlichkeiten, dass sich in den USA zwei Menschen mit gegensätzlichen politischen Meinungen an bestimmten Orten treffen. Unter Freunden betrug sie 35 Prozent. In der Familie etwas mehr. Unter Nachbarn 40 Prozent, unter Arbeitskollegen 42 Prozent. Spricht das jetzt für oder gegen die Filterblasen? Ich bin mir nicht sicher.

Auch was die sozialen Medien anbelangt nicht! Zwar richtet sich das was wir im Internet lesen fast immer nach unseren persönlichen Interessen. Und ja – Unternehmen wie Facebook streben auch danach die Interessen der Nutzer besser zu verstehen, um dann passgenau interessante Inhalte zu präsentieren. Aber trotzdem gilt: Die nächste Information ist immer nur einen Link oder einen Klick weit entfernt! Wenn wir es wollen, ist es ein Leichtes für uns unsere eigene Filterblase zu verlassen – so sie denn existiert.

Zu diesem Ergebnis kommen auch Forscher von Facebook selbst, die sich mit Filterblasen auseinandergesetzt haben. Das Ergebnis: Entscheidungen von Nutzern wirken sich viel stärker darauf aus, welche Arten von politischer Information sie auf Facebook zu sehen bekommen, als der Sortier-Algorithmus. Bleibt die Frage was ein solcher „Persilschein“, den die Forscher ihrem Unternehmen ausstellen, wert ist?

Die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins

Eine wie ich finde sehr spannende, alternative These dazu, warum soziale Medien als Brandbeschleuniger im gesellschaftspolitischen Diskurs wirken, stammt von Bernhard Pörcksen. Er schreibt in seinem Beitrag „Die Theorie der Filterblasen ist nicht länger haltbar – Wir leiden bereits unter dem Filter-Clash“ in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ): „Es sind […] die unmittelbare Sichtbarkeit und Sofortvergleichbarkeit von sozialen Unterschieden und die Transparenz der Differenz, die verstören. Wir sehen Schreckliches und Schönes, Relevantes und Irrelevantes – ein unendlicher Strom beweglicher, leicht zu verbreitender Daten und Dokumente, von lustigen Ice-Bucket-Challenge-Videos bis hin zum Foto eines kleinen syrischen Mädchens, das nach einem Luftangriff blutüberströmt in die Kamera blickt. Es ist die unerträgliche Gleichzeitigkeit des Seins, die so auf einem einzigen Kommunikationskanal erlebbar wird, der Schock des Unvereinbaren.

Video: Christian Streich sieht Facebook als Gefahr für Demokratie.

Wer lässt sich von sozialen Medien beeinflussen?

Häufig Gegenstand von Diskussionen ist auch die Frage danach, welchen Einfluss soziale Medien auf welche Bevölkerungsgruppen haben. Genau zu diesem Thema gibt es eine interessante OECD-Studie, die analysiert, wie soziale Medien durch Politiker und Institutionen in OECD-Staaten eingesetzt werden. Das Ergebnis: In nahezu allen Staaten nutzen die Bessergebildeten Social Media stärker als die Bürger mit geringerem Bildungsgrad. Nur in Deutschland dreht sich das Verhältnis um, d. h. hier sind es die weniger Gebildeten, die sich via Facebook etc. informieren.

In eine ähnliche Kerbe schlägt eine Studie aus den USA. Dort haben Forscher der Stanford University herausgefunden, dass vor allem High-School-Absolventen immer weniger zwischen echten Nachrichten und gesponserten Informationen unterscheiden können. Fast schon schockierend: Der „Wert“ einer Nachricht wird weniger an den Quellen bemessen als an der Frage, wie viele Details eine Geschichte beinhaltet – und ob ein großes Foto dabei ist.

Wie weiter?

Dass der Umgang mit sozialen Medien in Demokratien aber problematische Effekte haben kann, ist – und das ist positiv – immer mehr Menschen bewusst. Immerhin 57% aller in einer Studie befragten 3.622 Amerikaner sagen, dass soziale Medien der Demokratie mehr schaden als nützen. Immerhin 55% der Befragten äußern die Sorge, dass die Regierung nicht genug unternimmt, um die Macht von Großkonzernen zu kontrollieren. Staaten und Regierungen sollten dies fast schon als Auftrag werten!